Sexualisierte Gewalt: Das schleichende Gift

Kategorie:

Fast täglich ist in den Medien von Missbrauch – auch und gerade an Kindern – zu hören und zu lesen. Eine der Kämpferinnen gegen den sexuellen Missbrauch und gegen sexuelle Gewalt ist Annemarie Besold – und das seit über 20 Jahren. Unter anderem für dieses Engagement wurde sie im vergangenen Jahr vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) mit dem Gleichstellungspreis ausgezeichnet und jetzt für den Deutschen Engagementpreis nominiert (Bitte für Annemarie voten: http://www.deutscher-engagementpreis.de/publikumspreis). Mehr zu Annemarie und ihr Engagement im Interview.

Wie bist Du auf dieses Thema gekommen?
Ich hatte schulisch immer wieder mal mit der Thematik zu tun. An den Förderschulen ist das Thema präsent. Zum einen sind unsere Schüler aus ihrer Biographie häufig gefährdet, da viele Familien eher in schwierigeren sozialen Milieus leben. Auch verstehen Kinder und Jugendliche, die intellektuell nicht so fit sind, oft nicht, was da abläuft. Deshalb können Täter unsere Schüler leichter manipulieren, ausnutzen und unter Druck setzen.

Auf der Suche nach Informationen und Materialien, um mit Förderschülern die Thematik zu bearbeiten, stieß ich darauf, dass Täter auch den Sport häufig nutzen, um sich an Kinder ranzumachen.

Als ich 1998 die Frauen SV-Ausbildung bei Karin Köhler, der damaligen Frauenreferentin des Ju-Jutsu Verbandes Bayern (JJVB) machte, dachte ich mir, dass es gut wäre, wenn es auch für Kinder und Jugendliche SV-Kurse gäbe. Klar war mir auch, dass ich in so einem Konzept Prävention von Sexuellem Missbrauch unbedingt dabeihaben wollte. Damals gab es im Bereich Kinder SV kaum etwas, außer Anfängerkurse in Kampfsportarten. Michael Korn und Joe Thumfart haben zeitgleich begonnen in Baden ein ähnliches Konzept zu entwickeln.

Seit 2003 bieten wir im DJJV die Lizenz »Nicht mit mir! Gewaltprävention, Selbstbehauptung uns Selbstverteidigung für Kinder und Jugendliche« an. Unser Konzept ging von Anfang an weit über einen reinen Anfängerkurs in Ju-Jutsu hinaus. Zu der Zeit war das ein echtes Alleinstellungsmerkmal. Inzwischen werden auch von anderen Anbietern ähnliche Konzepte angeboten, aber es gibt kein Konzept, das bundesweit nach einheitlichen Standards ausbildet und unterrichtet. Und immer wieder sehe ich, wie aktuell und notwendig diese Arbeit und der Bereich Prävention von Sexuellem Missbrauch gerade im Sport ist. Wir werden auch regelmäßig von anderen Sportverbänden angefragt, um Informationsveranstaltungen zu machen, aber auch um bei aktuellen Problemen Hilfestellung zu leisten

»Ich konnte es schon als Kind nicht ausstehen, wenn Schwächere, die sich nicht selbst wehren konnten, geärgert und gequält wurden.“

Warum engagierst Du Dich da so sehr?

Ich hatte das Glück, dass es in meinem Leben nur Menschen gab, die es gut mit mir gemeint haben und ich finde, darauf hat eigentlich jeder Mensch ein Anrecht. Außerdem konnte ich es schon als Kind nicht ausstehen, wenn Schwächere, die sich nicht selbst wehren konnten, geärgert und gequält wurden, egal ob Tier oder Mensch.

Wie hat sich das Thema seitdem gewandelt?
Sexueller Missbrauch ist öffentlicher geworden. Kinder und Jugendliche werden besser informiert und es wird versucht sie durch verschiedene Maßnahmen zu schützen. Gerade auch im Sport. Die Deutsche Sportjugend arbeitet sehr intensiv an der Thematik, informiert und schult Trainer und Übungsleiter. In vielen Verbänden und Vereinen gibt es Vertrauenspersonen, die als Ansprechpartner speziell geschult sind und wissen, wo man professionelle Hilfe bekommt. Auch der Ehrenkodex und das erweiterte Führungszeugnis sind Bausteine zum Schutz unserer Kinder und Jugendlichen. Und natürlich unser »Nicht mit mir!« im DJJV.

Wie kann man sexualisierte Gewalt erkennen?

Das ist schwierig, weil Täter sehr geschickt vorgehen, die Opfer zur Geheimhaltung verpflichten und auch vor massiven Drohungen nicht zurückschrecken. Es gibt viele verschiedene Signale, die aber fast alle auch andere Ursachen haben können.

Aufmerksam sollte man immer bei plötzlichen Verhaltensänderungen werden. Diese am besten ohne Wertung dokumentieren. Manchmal bemerkt man dann ein Muster. Eventuell bei den Eltern nachfragen, ob ihnen das Verhalten auch aufgefallen ist. Spätestens bei einem Verdacht sollte man Präventionsmaßnahmen durchführen. Manchmal sagen Kinder dann: »Das kenne ich.«

»Helfen kann man am besten durch die Weitergabe der Information, wo man professionelle Hilfe bekommt.«

Wie ist der sexualisierten Gewalt zu begegnen? Wie kann man Opfern am besten helfen?
Das Thema durch frühzeitige Information und Präventionsmaßnahmen auf allen Ebenen aus der Tabuzone holen. Immer wieder informieren und darüber reden, Tricks der Täter bekannt machen. Die haben sich ja in den letzen Jahren auch sehr verändert.

Helfen kann man am besten durch die Weitergabe der Information, wo man professionelle Hilfe bekommt. Wenn man versucht ohne Profis zu helfen, ist man in der Regel schnell überfordert. Und ansonsten Normalität und Rücksichtnahme, wenn Kinder und Jugendliche zum Beispiel Probleme mit Körperkontakt bei bestimmten Personengruppen haben.

Wie ist die »beste« Prävention?
Im Bereich der Primärprävention, wenn also noch nichts passiert ist, da sind wir mit unserem »Nicht mit mir!« schon sehr gut aufgestellt. Wir haben seit 2009 auch in unserer Satzung einen entsprechenden Passus. Das haben Michael Korn, Joe Thumfart und ich nach mehreren Jahren intensiver Arbeit, vielen Gesprächen und noch mehr Informationsveranstaltungen erreicht.

Der Vorteil unseres Präventionskonzeptes ist auch Folgendes: Dadurch, dass sexueller Missbrauch ein Thema unter mehreren Präventionsthemen ist, kocht es emotional nicht so hoch und man kann in der Regel recht sachlich darüber informieren. Es fühlt sich auch nicht gleich jeder angegriffen und unter Generalverdacht gestellt.

Wichtig ist natürlich auch, dass Präventionsmaßnahmen altersgerecht sind. Auch hier haben wir inzwischen passgenaue Methoden und Materialien, die methodisch und didaktisch gut aufbereitet sind. Auch die Schulung der Kursleiter ist sehr wichtig, damit sie wissen, worauf es bei der Gesprächsführung ankommt, wo die Schlüsselszenen und -begriffe sind. Die zeitnahe Information von Eltern, Erziehungsberechtigen und von Kindern und Jugendlichen ist hilfreich. Außerdem darf nicht herumgeredet werden, sondern es muss mit einer altersrechten Sprache klar und deutlich gesagt werden, was die Kinder wissen müssen.

Wie aktuell ist das Thema?
Leider sehr. Man muss nur in die Zeitung oder in die Nachrichten schauen.

 »Wir brauchen möglichst für jedes Bundesland eigene Ausbilder für die »Nicht mit mir!«-Kursleiterausbildungen, die vor Ort Ansprechpartner sind und die Gewaltprävention in Zusammenarbeit mit ihren Präsidenten /Präsidentinnen zur Chefsache machen.«

Wie aktuell ist es auch in unserem Sport?
Auch in unserem Sport sind Kinder und Jugendliche leider nicht hundertprozentig geschützt. Allerdings haben wir weniger Probleme, als andere Sportarten. Das hat sicher verschiedene Gründe. Mit unserer Sportart kann man nicht das große Geld verdienen. Dadurch fallen auch im Leistungssport bestimmte Gefährdungspotentiale und Verstrickungen schon mal weg.

Aber wir waren 2009 auch einer der ersten Sportverbände, die Gewaltprävention und Prävention von Sexuellem Missbrauch in unserer Satzung verankert haben und ein Präventionskonzept hatten. Damals hatte auch die DSJ mit dem Thema noch nichts zu tun. Das ging erst 2010 so richtig los. Da waren wir schon relativ weit. Wir hatten zum Beispiel schon einen Ehrenkodex und eine Arbeitshilfe für Trainer und Übungsleiter. Und eine ganze Anzahl »Nicht mit mir!«-Kursleiter, denen das Thema bekannt war und die Präventionsmaßnahmen in die Vereine einbringen konnten.

Mit Michael Korn haben wir einen außergewöhnlichen und extrem engagierten Vizepräsidenten Jugend, der das Thema sofort als wichtig erkannte und Prävention im DJJV seit über 20 Jahren vorantreibt. Für die intensive Zusammenarbeit und die Möglichkeiten, die Michael immer wieder sieht und unterstützt bin ich sehr dankbar.

Was muss in Zukunft noch geschehen?
Wir brauchen möglichst für jedes Bundesland eigene Ausbilder für die »Nicht mit mir!«-Kursleiterausbildungen, die vor Ort Ansprechpartner sind und die Gewaltprävention in Zusammenarbeit mit ihren Präsidenten /Präsidentinnen zur Chefsache machen.

Was ist Dein größter Wunsch?
Körperliche und seelische Gesundheit, damit ich noch lange alles unter einen Hut bringen kann. Außerdem wäre ein zusätzlicher Tag so zwischen Dienstag und Mittwoch richtig gut. Aber ich weiß schon, es war nur die Rede von einem Wunsch.

Was ist Dein nächstes Ziel / Vorhaben?
Der DOSB hat mich für den Deutschen Engagementpreis 2018 nominiert. Mal sehen, was daraus wird. Ansonsten schau ich einfach, was so daherkommt.


Kurzbio:
Annemarie Besold (58) ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und wohnt in Waldkraiburg, im südöstlichen Zipfel von Bayern im Grenzgebiet zu Österreich. Sie ist Sonderschullehrerin und seit 2015 Rektorin am Sonderpädagogischen Förderzentrum Neuötting. Annemarie betreibt Ju-Jutsu seit 1990 (1998 Bayerische und Süddeutsche Meisterin bis 55 kg im Fighting) ist Kindertrainerin beim VfL Waldkraiburg, Inhaberin der Trainer B Lizenz, der ÜL B Prävention. Sie ist Mitglied im Jugendlehrteam des JJVB und DJJV (Schwerpunkt Nicht mit mir!, Ausbildung, Konzeptweiterentwicklung und Materialerstellung), Fachwirtin für Konfliktmanagement und Selbstverteidigung (DJJV), hier auch Referentin in der Ausbildung, sowie Budo-Pädagogin (BvBP). Für Ihr Engagement erhielt sie vom JJVB 2014 den 4. Dan, im gleichen Jahr die Ehrenmedaille für besondere Verdienste um den Sport in Bayern und 2017 den Gleichstellungspreis des Deutschen Olympischen Sportbundes.


  • Besold_Annemarie-2
  • Besold_Annemarie
  • Fernsehen_beim_VfL
  • Websticker_Nominierte

Interview: Jörg Eschenfelder / Fotos: privat