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»Nicht mit mir!« im Waldkindergarten Gilching

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»Nicht mir mir!« – das Gewaltpräventionskonzept des Deutschen Ju-Jutsu Verbandes (DJJV) funktioniert auch bei Vorschulkindern. Das zeigen Erfahrungen im Waldkindergarten Gilching. Eine Reportage von Uwe Wolff.

Gilching. Mitte Februar, irgendwo in einem Wald, 12 Grad Minus. »Stopp! Lassen Sie mich in Ruhe!« brüllt der fünfjährige Maximilian dem fremden Mann entgegen, der ihn im Wald angesprochen und mit dem Versprechen auf ein tolles Geschenk zum Mitgehen aufgefordert hat. Er steht in Verteidigungsstellung und zeigt dem Fremden die Stopp-Hand. Als dieser weiter auf ihn zukommt, nimmt Maximilian die Beine in die Hand und rennt, so schnell er kann, zur Erzieherin Heike. »Sehr gut!« lobt ihn die Kursleiterin Tanja Wolff. »Licht und Leute!« rufen die anderen Kinder begeistert.

Wir befinden uns im Waldkindergarten MuNuKa in Gilching bei München. Zum Glück war der fremde Mann eigentlich gar kein richtiger Fremder, sondern Kursleiter Uwe Wolff. Zusammen führt das Ehepaar Wolff einen mehrwöchigen Präventions-, Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskurs nach dem »Nicht mit mir!«-Konzept mit den Vorschulkindern in dem Waldkindergarten durch.

Für die beiden vom Deutschen Ju-Jutsu Verband (DJJV) ausgebildeten und lizenzierten Kursleiter eine ganz neue Erfahrung. »Kurse in Schulen, Kindergärten und Vereinen hatten wir jetzt schon sehr viele – aber ›outdoor‹, das birgt ganz neue Herausforderungen und Möglichkeiten. Insbesondere bei Minusgraden sollten wir zusehen, dass die Kids immer in Bewegung bleiben – sonst übliche Sitz- oder Stehkreise müssen auf ein absolutes Minimum reduziert werden!«, meint Tanja. »Ich find’s klasse«, freut sich Uwe. »Als ehemaliger Offizier fühle ich mich 20 Jahre zurückversetzt. Im Freien können wir viele Dinge viel realistischer üben: Ansprache durch Fremde, Notinseln, Fallschule und Stimmeinsatz. Und die Kinder machen das mitunter so gut, dass wir bei Spaziergängern auch schon mal Entwarnung geben mussten.«

Das Kurzkonzept
»Nicht mit mir!« ist das durch den DJJV initiierte, deutschlandweite, bundeseinheitliche Präventions-, Selbstbehauptungs– und Selbstverteidigungskonzept für Kinder im Grundschulalter, das mittlerweile auch für Vorschulkinder angeboten wird. Der Schwerpunkt liegt bei diesem Konzept auch weniger auf der Selbstverteidigung, sondern eher bei der Prävention und Selbstbehauptung. Die Kurseinheiten sind modular aufgebaut und orientieren sich am umgekehrten Ampelprinzip. Grün beinhaltet den Bereich der Prävention, Gelb den Bereich der Selbstbehauptung und Rot den Bereich der Selbstverteidigung, der das zuletzt einzusetzende Mittel definiert. Thematisiert wird dabei sowohl das Verhalten gegenüber größeren Jugendlichen und Erwachsenen, als auch gegenüber anderen Kindern (Peergroup).

Laut Schreien ist wichtig!
Für Eltern, Erzieher und Lehrer mutet es komisch an, aber lautes Schreien in Gefahrensituationen will geübt sein. »Immer wieder stellen wir fest, dass Kinder gerade dann nicht schreien, wenn es wichtig wäre. Hier im Wald können wir sehr eindrucksvoll üben, wie weit und wie laut ein Schreien tatsächlich zu hören ist«, erklärt Kursleiterin Tanja vom SC Unterpfaffenhofen-Germering.

Auch warum überhaupt geschrien werden sollte, weiß Lukas schon ganz genau: »Damit einen wer hört, der einem helfen kann. Und weil der Böse sich dann erschrickt und weil man selber mutig wird und stark.«

Kick & Run
»Das böse Gesicht!«, ruft Leon. Er stellt sich vorsichthalber schon einmal in Verteidigungsstellung und nimmt die Arme vor den Körper; die Kursleiter nennen es ›mutig stehen‹. In einem Rollenspiel, in dem Kursleiter Uwe das ›böse Gesicht‹ aufsetzt, sollen die Kinder auf kleine Provokationen und Bedrohungen reagieren.
»Mutig stehen, rechtzeitig die Stopp-Hand, Stopp sagen und schnell weglaufen, wenn der Böse trotzdem näher kommt«, weist Tanja noch einmal ein. »Und wo laufen wir hin?« hakt sie nach. »Licht und Leute!« rufen die Kinder im Chor. »Das haben sich die Kinder sofort gemerkt«, lacht Erzieherin Heike, »Dorthin wo andere Leute sind und wo es hell ist!«.

Als Uwe dennoch eines der Kinder am Handgelenk erwischt ist das Geschrei groß. Mit einem Kick gegen Uwes Schienbein lenkt die kleine Alessandra ihn ab und löst dann gekonnt den Griff. Unter dem Jubel der anderen Kinder läuft sie kreischend zur Erzieherin.

Das ›böse Gesicht‹ wandert danach in Uwes Hosentasche. »Jetzt ist es weg!«, stellt er fest.

»Nein, Du hast es nur versteckt!«, ruft der kleine Luis. Als Uwe nun Maximilian mit dem Versprechen auf einen tollen Fußball mitlocken will, reagiert dieser prompt: Verteidigungsstellung, Stopp-Hand, Aufforderung zum Stehenbleiben und dann der Spurt zur Erzieherin. Die Kinder sind vorbereitet, denn in der letzten Woche wurde genau diese Situation in der Präventionsgeschichte »Der Fußballtrick« besprochen. Danach werden auch noch das Lösen von Griffen und das Befreien aus Umklammerungen fleißig geübt.

Prävention vor sexuellem Missbrauch
Das Thema sexueller Missbrauch ist heikel. Wie vermittelt man das Vorschulkindern?

»Fast 90 Prozent der Übergriffe kommen aus dem Bekannten- und Familienkreis«, berichtet Kursleiterin Tanja beim vorgeschalteten Elterninformationsabend. »Umso wichtiger ist es, dass die Kinder lernen auf ihr Bauchgefühl zu hören, gute von schlechten Geheimnissen unterscheiden können und sich ihren Eltern anvertrauen können. Praktisch vermitteln wir das mit dem Bilderbuch ›Ich dachte, Du bist mein Freund!‹« Die Kinder erfahren hier ganz behutsam, dass es gut ist, den eigenen Gefühlen zu vertrauen, nichts zuzulassen, was man nicht mag, und ›schlechte Geheimnisse‹ den Eltern anzuvertrauen. Erleichtert atmen die Kinder auf, als sich für den ›kleinen Bären‹ in der Geschichte alles fügt und er wieder lachen kann.

Die Tigerkralle schlägt zu
Das Highlight der letzten Kurseinheit ist das Durchschlagen des Holzbretts mit der Tigerkralle. Uwe erläutert die Bedeutung der Technik: »Das gibt den Kinder Selbstvertrauen und zeigt ihnen, dass die Technik funktioniert. Wichtig ist uns, dass diese Technik nur im Notfall und nicht gegen Kinder eingesetzt wird. Das wiederholen wir konsequent vor und nach dem Üben der Technik. Wir üben die Tigerkralle auch bewusst mit Vorschulkindern – diese erhalten aber etwas dünnere Bretter als die Grundschüler. Bisher haben es alle Kids geschafft und mit den dickeren Brettern und der kombinierten Ernstfallübung haben wir auch noch deutlich Luft nach oben.«

»Dürfen wir die Tigerkralle zum Spaß einsetzen?«, ruft Tanja den Kindern zu. »Gegen andere Kinder? Im Kindergarten? In der Schule?«

»Nein!«, schallt es im Chor zurück. Wann sie eingesetzt werden kann, wissen die Kids genau. Leon fasst es zusammen: »Wenn Lebensgefahr ist. Wenn es ein großer Jugendlicher oder Erwachsener ist und wenn der Bauch zieht und sagt, dass es gefährlich ist.«

Ein Kind nach dem anderen kommt zum Ende der fünften Kurseinheit vor zu den Kursleitern. Unter dem Applaus der anderen Kindergartenkinder, Erzieher und Eltern zerschlagen alle Vorschulkinder ihr Brett, welches als Erinnerung mit Namen und Datum versehen und von den Kursleitern unterschrieben wird. Auch eine tolle Teilnehmerurkunde wird überreicht.

Eine letzte Rakete
Dann ist es soweit. Kinder, Kursleiter und Erzieher treffen sich zum letzten Mal im Kreis und nehmen sich an die Hand.

»Passt auf Euch auf! Lasst Euch nicht austricksen und hört auf die Alarmanlage in Eurem Bauch!«, gibt Uwe den Kindern mit.

»Wie waren wir heute?«, fragt Tanja.

»Spitze!«, rufen die Kids zurück. »Heute waren wir spitze!«, rufen alle gemeinsam, während sie zur Mitte des Kreises laufen und ein letztes Mal die ›Rakete‹ starten lassen.

Tanja ist sich sicher, dass der Kurs Gutes bewirkt hat: »100 Prozent Sicherheit kann es nicht geben, aber die Kids haben in den letzten Wochen viel gelernt, was ihnen hilft, Gefahren zu erkennen und richtig einschätzen zu können. Wir sind sehr zuversichtlich, dass sie sich jetzt ein Stück sicherer durchs Leben bewegen. Vielleicht bekommen wir die Chance, das Ganze in der Schule noch einmal zu vertiefen; Und auch die Eltern sollten die Inhalte mit Hilfe der Begleithefte regelmäßig auffrischen.«

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Reportage und Fotos: Uwe Wolff