Selbstverteidigung: Ein Erlebnis-Wochenende der besonderen Art

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Spirklhof. Eine Woche vor Ostern gelang es Andreas Hötzinger, Lehrreferent des Ju-Jutsu Verbandes Bayern (JJVB), in Sachen Selbstverteidigung ein Erlebniswochenende der besonderen Art zu organisieren. Ein Erlebnisbericht.

Ort war der idyllisch gelegene Spirklhof. Das Wochenende mit dem Thema »Übungsformen für ein zielgerichtetes SV-Training« richtete sich speziell an die Inhaber von Trainerlizenzen. Als Referenten waren Mike Lenzer und Sepp Sträußl vor Ort, bepackt mit voller Ausrüstung für Angriff und Verteidigung. Die Namen der Referenten allein zeigten schon, dass wir das Messer nicht nur beim Essen brauchten.

Nach dem Einchecken und einem kleinen Kaffee ging es mit über 20, völlig aggressionsfreien Teilnehmern um 10 Uhr zuerst in den Vortragsraum. Andi, Sepp und Mike stellten sich mit ihren Tätigkeitsbereichen kurz vor. Mike und Sepp instruierten uns anschaulich und ausführlich über Täter- und Opferverhalten, über präventive Maßnahmen, »Fehlverhalten« in kritischen Situationen, Entscheidungsfindung und Alles, was dazu gehört.

12 Uhr mittags. Sie war da. Die Stunde der Entscheidung: »Was essen wir?« Wir haben das Problem aber fast stressfrei gelöst.

Nach dem Mittagessen trafen wir uns alle in der kleinen und gut gekühlten Sporthalle – jeder in reißfester, alter Zivilkleidung – kein Gi und keine Matten.

Die kühle Halle stellte nur kurzfristig ein kleines Problem dar: Jeder schnappte sich eine der handlichen »Pool-Nudeln« und »streichelte« damit seinen Partner unter Eigensicherung auf dem Weg durch die Halle. Von den Referenten ermuntert (die hier natürlich kräftig mitmischten) war es mit dem »Streicheln« dann schnell vorbei. Alle gegen Alle, Gruppen gegen Gruppen - unter der Aufmunterung der Referenten – Eigensicherung, Zuschlagen, Einstecken und das Ganze ohne Unterlass. 

Die Guten und die Bösen
Anschließend Gruppeneinteilung in die Guten, die Bösen, die »Unbeteiligten« und nicht zu vergessen – die Schiedsrichter, zur Aufrechterhaltung der Übersicht. Die Aufgaben der Gruppen wurden in offener oder geheimer Absprache geändert oder erweitert und dann ging es wieder rund. Orientierungen gingen verloren und es zeigte sich, dass der Orientierungsverlust vorwiegend bei den Verteidigern auftauchte. 

Die Temperatur in der Halle war gefühlsmäßig erheblich gestiegen – ebenso der Lautstärkepegel. Das Begrabschen, die gegenseitigen »Ansprachen« und deren Lautstärke wurden grober …

Zwischendurch gab es von Sepp und Mike wieder neue Aufgaben, eine kurze Analyse unseres Verhaltens und weiter ging es mit Partner oder im Gewühl. 

Stress war jetzt zum zusätzlichen Teilnehmer für alle geworden. Wechselweise eingeteilte Schiedsrichter sicherten einen verletzungsarmen Ablauf dieser kritischen Situationen, auch dann, als noch Hilfsmittel und Waffen dazu kamen – bei Angreifern wie Verteidigern. Viele körperliche Gewaltsituationen entstanden – ohne Vorplanung – und mussten mit den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten gelöst werden. Erstaunlich, was für Möglichkeiten gefunden wurden.

Nun war es Zeit für die verbale Auseinandersetzung. Die Schulung der Stimme war ja schon etwas fortgeschritten. Zugegeben, es fiel schon schwer, den geschätzten Partner liebevoll mit »Du dumme Sau«, »A-Loch« und noch deutlich aggressiver (aber nicht druckreif) anzusprechen. Da braucht es zunehmend ein dickes Fell. War schwierig, zumal einem nach einiger Zeit der »kreative Wortschatz« dafür ausging, sodass man auf eindeutige Gestik überging. Aber auch das war nicht zufriedenstellend und so endete das Ganze meist wieder in körperlicher »Kommunikation« – zu zweit, zu viert oder im Getümmel – aber immer von außen kontrolliert. Mike, Sepp und Andi waren auch im körperlichen und verbalen Teilbereich mit dabei und haben auch das Eine oder Andere abgekriegt - sie waren sozusagen voll integriert …

Abend: Es geht weiter
Der Ruf zum Abendessen war schon fast störend. Aber wir nahmen es als zusätzliche Provokation hin und speisten friedlich mit Genuss wieder einträchtig nebeneinander.

Danach, zurück in den Unterrichtsraum: Es begann mit der Aufarbeitung des Erlebten und das darf sicherlich nicht unterschätzt werden. Stressformen und –ursachen, die verschiedenen Auswirkungen, wissenschaftliche Erklärungen sowie Bewältigungsformen und deren Individualität wurden dargestellt und erläutert – ein weites Feld!

Unsere geistigen und körperlichen Kurzerfahrungen aus dem Praxisteil haben aufgezeigt, was passiert, wenn »unser Pulver vermeintlich verschossen ist« und wenn wir an unsere persönlichen Grenzen kommen. Zusätzlich auftretende Stressfaktoren wie das Versagen von Hilfsmitteln, unwillige Gegner, die »den Kipphandhebel einfach nicht wollen« und so weiter stellten Hirn und Muskeln vor Aufgaben.

Sehr positiv war auch, dass die Situationen nicht an den Haaren herbeigezogen waren, sondern sich aus Alltagsgeschehnissen frei entwickelten – ganz individuell.

Am späten Abend blieb dann noch Zeit zum gemütlichen Zusammensitzen in der Gaststube – ganz ohne Stress – mit einem Bierchen oder auch Kamillen-Pfefferminztee. Hat gut getan, das gemeinsame Bierchen.

Kurze Nacht – neuer Tag. 
Landschaft mit Schnee überzuckert – aber wir waren ja in der Halle. Wir wussten ja mittlerweile, dass die Kühle der Halle kein Problem darstellte. An das Fehlen der Matte hatten wir uns auch schon gewöhnt, sodass es verstärkt in die Bodenlage ging. Vorteil: Wenn man schon unten war, konnte man nicht mehr fallen …

»Gewaltsames Streicheln« mit den Poolnudeln brachte uns auf Arbeitstemperatur und es ging ans Eingemachte. Mike und Sepp hatten viele »nette« Einfälle: Zweier- bis Siebenergruppen, und dann wieder das ganze Rudel miteinander sowie gegeneinander. Stimmschulung, Gruppenreaktionen, Helfer für Täter und Opfer, Fluchtwegsuche, Täterbeschreibung, Hilfsmittelnutzung und so weiter im häufigen Wechsel. Vom Waffenangriff bis zur Lokalisierung des Notausganges und Feuerlöschers – alles dabei – Stress pur. 

Aber auch sehr nette Begebenheiten. Beispiel: Mein Gegner brachte mich zu Boden, stürzte sich auf mich und »äusserte« lauthals und körperlich den Wunsch, mich zu erwürgen: »Jetzt hob i di, du Saukerl. Ich derwürg di« (= … ich erwürge dich). Mittlerweile fand meine Hand den Weg zwischen seine Beine und drückte gefühlvoll zu mit den Worten »I hob di a« (= ich habe dich auch). Der Gegner reagierte schnell und sagte mit feuchten Augen: »Gegn ma mitnand wos drinka ...« (= Gehen wir was trinken…). Solche Erlebnisse gab es bestimmt mehrfach.

Und dann war plötzlich Alles vorbei. Wir und unsere Zivilklamotten hatten beide Tage gut überstanden und die Matte wurde auch nicht vermisst. Man muss aber auch sagen, die äußersten Grenzen des Möglichen wurden von den Teilnehmern und »Schiedsrichtern« immer beachtet – trotz Stress. Abschließend folgte im Unterrichtsraum noch die Nachbereitung des Vormittages mit einer wissenschaftlich fundierten Erläuterung zu Aggression, Stress und Bewältigung.

Es war ein »Erlebniswochenende« der besonderen Art und wir sind uns einig: Wir haben viel gelernt, Vieles neu bewertet und viel mitbekommen (geistig und körperlich).

Dafür nochmal vielen Dank an unsere Drei: Andi Hötzinger, Mike Lenzer und Sepp Sträußl

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Bericht und Fotos: Klaus Röhler