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Lizenz-Kurs  Frauen-SV

Bayernseminar 11.-16.10.2009

 

Ein Erfahrungsbericht

 

 

Am Sonntag, den 11. Oktober , trafen sich 4 Sportlerinnen und 7 Sportler, um mit Thema vertraut zu werden. Wir begannen um 14:00 Uhr unter Leitung von Andrea Ordner.  Nach Begrüßung und Organisatorischem ergab sich eine Diskussion um den Gewaltbegriff. Gewalt  wird primär als körperliche Gewalt verstanden (hier speziell mit dem sexuellen Aspekt), kann aber in Form von Psychoterror und Unterdrückung auftreten. Sexuelle Gewalt gegen Frauen wird zu einem hohen Prozentsatz  im häuslichen Umfeld ausgeübt, d.h. eigene oder bekannte Wohnung, Täter sind im Verwandten- oder Bekanntenkreis auszumachen, die Dunkelziffer ist daher entsprechend hoch. Im Anschluss daran wurden die 3 Säulen der Frauen-SV vorgestellt.

1.         Prävention: Die Umwelt bewusst wahrnehmen, kritische Situationen möglichst

vermeiden und durchaus auf die Intuition (Bauchgefühl) vertrauen

2.         Selbstbehauptung: Den eigenen Standpunkt entschieden vertreten, und zwar  durch klare Aussage, verbunden mit entsprechender Gestik und Mimik (Körpersprache)

3.         Selbstverteidigung: Die Anwendung von Techniken, wenn sonst nichts mehr bleibt.

 

Mit einem kleinen Spiel wurde die Bedeutung der Intuition verdeutlicht und klargestellt, dass man diesen Aspekt nicht in die esoterische Ecke verbannen sollte. Auch Angst ist nichts grundsätzlich Negatives; sie kann präventiv sein; im Extremfall führt sie zu Ausschüttung von Adrenalin, welches den Selbsterhaltungstrieb aktiviert (Schärfung der Wahrnehmung, Maximierung von Schnelligkeit und Kraft, Reduzierung der Schmerzempfindlichkeit) Nach dem Abendessen wurden die Besonderheiten und Ziele der Frauen-SV erläutert. Unter Besonderheiten fallen der Aspekt der heterogenen Gruppe (Alter, Leistungsstand), das Problem der Berührungsangst und die kurze Kursdauer. Ziele sind die Schulung von Selbstbehauptung und die Vermittlung von Techniken. Hierzu zählt die Kampfstellung,(Beine schulterbreit, leicht versetzt, Körper aufrecht, Blickkontakt, Hände oben) und die Fallschule seitlich. Und natürlich die Vermittlung von leicht erlernbaren, effizienten Techniken (Atemi auf Vitalpunkte) . Und dann war´s auch schon 21:00 Uhr

 

Montag um 9:00 Uhr ging es unter Leitung von Margot Patsch-Martin wieder munter zur Sache. Zum Einstieg wurde der rechtliche Rahmen behandelt. Dazu gehört der Aspekt der Notwehr, aber auch das Vorgehen nach körperlicher Misshandlung. An wen kann ich mich wenden? Wie ist der Ablauf?  Welche Hilfe kann ich bekommen?  Auch häusliche Gewalt ist eine strafbare Handlung, ebenso wie Nachstellung (neudeutsch als „Stalking“ bezeichnet). Und wo früher noch die Meinung vorherrschte, die Frau wäre schließlich selbst schuld, hat ein erkennbarer Paradigmenwechsel stattgefunden. Anzeige kann prinzipiell immer erstattet werden, jedoch erschwert der zeitliche Abstand die Beweislage.

Danach wurde die Selbstverteidigung mit Waffen behandelt (Tränen- oder CS-Gas, Elektroschocker). Klingt erst mal gut, ist aber näher besehen nicht zu empfehlen. Erfordert regelmäßiges Üben und Funktionsüberprüfung, die Waffe kann auch gegen einen selbst eingesetzt werden. Besser sieht es aus mit alltäglichen Gegenständen, wobei sich harte Gegenständen wie Buch, Regenschirm oder Kugelschreiber empfehlen; aber auch einen Jacke kann nützlich sein (schafft Ablenkung). Grundsätzlich gilt: Nimm, was da ist! Hier wurden auch die Prinzipien der Selbstverteidigung erläutert. Bei Belästigung mit Leichtkontakt klare Grenzen setzen, sich losreißen und schreien, bei gesundheitsgefährdenden Angriffen konzentriert und schnell alles einsetzen (Stimme, Technik, absoluten Willen). Im technischen Bereich müssen auch passive Abwehr-techniken und Meidbewegungen regelmäßig geübt werden.

Nach dem Mittagessen wurde das Thema „Persönliche Distanzschwelle“ behandelt. Hier kann man unterscheiden nach Intimdistanz (bis 50 cm, Gegenüber ist vertraut, kann mich erreichen!), Nahdistanz (bis 1 m, Gegenüber ist bekannt), Geschäftsdistanz (bis 2 M) und öffentliche Distanz(3 M). Die Entfernungen können variieren je nach Örtlichkeit (heller belebter Platz oder dunkle Straße), nach Erscheinungsbild des Gegenübers (sympathisch und gut gekleidet oder abgerissen mit Mütze, man sieht die Augen nicht) oder nach eigener Befindlichkeit. Bei Überschreitung dieser Grenze muss sofort reagiert werden, und zwar durch klare laute Ansage mit entsprechender Körperhaltung und Blickkontakt. Die Bedeutung der Stimme als Waffe kann nicht oft genug betont und geübt werden. Funktion und Wirkung des Kiai darf ich bei dem geneigten Leser als bekannt voraussetzen. Hinsichtlich der Außenwirkung kommt aber auch der laut formulierten klaren Aussage („Lassen Sie mich los“) ein hoher Stellenwert zu. Zeigt, dass es sich hierbei nicht um eine heftige Beziehungskiste handelt, sondern um einen echten Übergriff. Mit praktischen Übungen wurde dieser Aspekt vertieft, wir mussten uns einfach mal anschreien (Willensschulung!), auch Rollenspiele durften nicht fehlen (dazu später mehr).

In der Folge wurde der Angriffsaspekt behandelt. Angriffe geschehen eher selten aus heiterem Himmel (Ausnahme Blitz). Täter testen gerne aus, wieweit sie ohne eigene Gefährdung gehen können. Dies kann beginnen mit aufdringlichen Blicken, geht über körperliche Annäherung (persönliche Distanzschwelle!) und Verbalattacken (Ein-schüchterung) bis zum Körperkontakt. Hier müssen sofort klare Grenzen gezogen werden. Das Opfer wird gesucht, nicht der Gegner. Wer´s nicht glaubt: Der Löwe reißt nicht den Leitbüffel! Sollte dies nicht reichen, muss mit voller Konsequenz gehandelt werden.

Nach dem Abendessen hatten wir Fatma Keckstein zu Gast (Frauenbeauftragte des DJJV). Es ging um Kursplanung und Durchführung. Kurse für Frauen-SV können verschieden gestaltet werden; die Variante mit 12 Einheiten hat sich als praktikabel erwiesen, aber auch ein Wochenendkurs ist denkbar, wobei möglicherweise der Übungs- und Wiederholungsaspekt etwas kurz kommt. Fatma erläuterte uns ihre Variante mit 6 Einheiten zu 90 Minuten. Wie verläuft die Ausschreibung? Wie verteile ich Theorie- und Praxisteile? Wie steht es mit dem Versicherungsschutz? Wie gestalte ich eine nette Abrundung (gemeinsames Essen als Abschluss, Verleihung einer Urkunde...)?

Tja, schon wieder 21:00 Uhr.

 

Dienstag um 9:00 Uhr waren alle wieder dabei, diesmal mit Tanja Dietz-Röding. Das Wohlgefühl war sprichwörtlich mit Händen zu greifen: es ging um den praktischen Aspekt (was geht wie?), wir befanden uns nun im „grünen Bereich“ (dahoam is dahoam!) Besprochen wurden Aufwärm- und Spielübungen. Vermittelt werden sollten leicht erlernbare, aber effiziente Techniken, so Grifflösen und Griffsprengen. Im Bereich Atemi und Nervendruck bieten sich an Hammerschlag (Nase), Fingerstich (Kehlkopf, Augen), Handballenstoß (Nase), Ellbogen und Knie gegen Unterleib. Aus gegebenem Ansatz gab es ein kleines Spiel: 3 Teilnehmer hielten den Dummy (lebensgroße Puppe),die übrigen Teilnehmer bildeten eine Gasse, und jeweils einer durfte den Dummy unter lautem Gebrüll und unter Anfeuerungsgeschrei bearbeiten. Die Aktion dauerte 15 Sekunden. Die einhellige Meinung hinterher: Die Uhren in Oberhaching gehen anders!!!! Solche „handfesten“ Übungen sind essentiell und bedürfen der regelmäßigen Wiederholung. Sinn und Zweck: Abbau von Berührungsängsten , Einüben der Technik, die Erkenntnis, dass Angriff und Abwehr länger dauern, als du es dir je vorgestellt hast (die eine ultimative Technik ist , vorsichtig ausgedrückt, sehr selten) und die Einsicht, dass man in einer Extremsituation den absoluten Willen haben muss.

In der Bodenlage wurden die Möglichkeiten des Genickdrehhebels behandelt (falls Kopf nahe genug), wobei auch Griff an Ohr oder Haaren in Verbindung mit Handballenstoß sehr nützlich sind. Falls der Kopf zu weit weg ist, (halten und schlagen), Hüfteinsatz mit Ellbogen gegen Unterleib (Fingerstich gegen Augen oder Kehlkopf nicht vergessen), mit Körperdrehung diese schlechte Position ganz schnell verlassen und dazu alles mit voller Konsequenz einzusetzen. Ein wichtige Übungsform besteht auch in der Veränderung des Umfeldes (Lichtverhältnisse, laute Musik) oder der Simulation von körperlichen Einschränkungen (Augenklappe, Wäscheklammer an das Ohr, eine Hand festbinden...).

Nach dem Mittagessen wurde an einer Übung die Bedeutung der Rhetorik aufgezeigt (eine wichtige Anforderung an Kursleiter). Dazu gehört souveränes Auftreten, Körpersprache (schon mal gehört?) Klarheit in Sprache und Ausdruck, Blickkontakt, Pausen gezielt einsetzen,..... Weiterhin sollte ein Kursleiter noch mitbringen Einfühlungsvermögen, Glaubwürdigkeit, Improvisationstalent, Führungsqualität  etc, was sich zu einem ordentlichen Paket addiert.

Der Stellenwert von Rollenspielen (die wir auch gemacht haben...) wurde ausgiebig erörtert. Dabei geht es darum , auch mal ein Verhalten darzustellen, welches dem eigenen Charakter eigentlich widerspricht (Willensschulung mit Erfolg – ich mag das zwar nicht, kann aber, wenn es denn sein muss)); erfolgreiche Aktionen bewirken eine Entmystifizierung des Gegners und haben auch den positiven Aspekt, eine Situation schon mal teilweise erlebt zu haben (ich war noch nicht in diesem Lokal, kenne aber den Weg dorthin), wodurch das Selbstvertrauen gestärkt wird.

Nach dem Abendessen ging es zum praktischen Teil der Prüfung. Dieser war als Parcours gestaltet. Die einzelnen Stationen wurden von den Kursteilnehmern besetzt, und einige Freiwillige nahmen die Herausforderung beherzt an. Im Anschluss wurden die Ergebnisse diskutiert und die Erfahrungen ausgetauscht.

Sagte ich schon, dass es wieder 21:00 Uhr war?

 

Mittwoch war es dann 08:30 Uhr, (mal was anderes) als alle zum theoretischenTeil der Prüfung antraten. Es sei gesagt: Alle Teilnehmer haben den Kurs bestanden. Nicht mehr ganz so frisch bis ausgelaugt, nur leicht lädiert (Abschürfungen mit Prellungen und nur ein blaues Auge), aber auch mit freudiger Erwartung und Zufriedenheit durften wir unsere Lizenzen in Empfang nehmen. Eine Nachbesprechung beendete diese prall gefüllten Tage.

 

Nun denn, so eine Lizenz mit Urkunde ist eine feine Sache. Doch viel wichtiger ist, was man an Allgemeingültigem und Übertragbarem mitnimmt, und das ist wahrlich nicht wenig!

Prävention: Wir leben nicht in Anarchie, aber es schadet nichts, der Umgebung die nötige Aufmerksamkeit zu schenken. Dieser Aspekt ist bei Frauen besonders wichtig, und vielleicht nimmt man den Espresso mit dem netten neuen Nachbarn doch erst mal beim Italiener ums Eck ein. Schadet Männern aber auch nicht. Es ist durchaus löblich, die beiden Herren in der U-Bahn deutlich auf das bestehende Rauchverbot hinzuweisen, erscheint aber wohl eher als die drittbeste Möglichkeit mit ungutem Ausgang (ist letztes Jahr in München tatsächlich passiert!)

Selbstbehauptung: Auch keine frauenspezifischen Angelegenheit. Es gilt, die persönlich wichtigen Positionen deutlich und freundlich, dann bestimmt bis bestimmter zu vertreten. Dies betrifft alle Lebenslagen; kann anstrengend sein, und man will niemanden verletzen, aber es tut keiner für Dich! Diese beiden Aspekte kann man lernen und verbessern, womit sich das Gefahrenpotential deutlich verringert.
Selbstverteidigung:
Das „Finale furioso“, welches sich keiner wirklich wünscht; die Kursteilnehmerinnen werden nicht zu Killerbienen mutieren, aber es sollte wohl möglich sein, entsprechende Techniken zu vermitteln sowie die Tatsache, dass absoluter Wille unabdingbar ist.

Heißt letztendlich: Selbstverteidigung beginnt im Kopf und wird wohl auch dort entschieden!

 

Bleibt für mich der Wunsch, der SV auch im „normalen“ Training wieder mehr Raum einzuräumen. Der Wind weht schärfer, und das beileibe nicht, weil es auf Weihnachten zugeht. Filigrane Techniken sind eine feine Sache und erhöhen die Chancen beträchtlich, aber wie funktionieren sie unter erschwerten Bedingungen? Außerdem sollten wir nicht vergessen, wo wir herkommen.

Bleibt für mich die Einsicht, dass in einer Extremsituation der Wille den Unterschied machen wird zwischen sein und nicht mehr so gut sein.

 

Ein großes Lob gebührt den Referentinnen, die uns dieses Thema erfahrbar gemacht haben, und der gelungenen Mischung von Theorie und praktischen Beispielen.

 

Und natürlich großes Lob an den einzigen männlichen Referenten, den guten Bill! Du hast es hart bekommen, Knie, Ellbogen, Handballen, Finger, kurz, die ganze Palette, und das nicht zu knapp.

Danke, Bill! Ein Dummy hat es eben nicht leicht.

 

Aber wer will schon ein Dummy sein…..

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